Birdie Shoot

Wir schreiben das Jahr 2002. Der MHJWS (Moorhuhnjagd-Wahnsinn) ist endgültig verklungen, sogar im hinterletzten Büro spielt man wieder »Word« und »Excel«. Auch auf den Macs hat sich der Trubel um das – zugegebenermaßen recht kurzweilige – Spielchen gelegt.

Nichtsdestotrotz schien man im Hause e.p.i.c. interactive der Meinung gewesen zu sein, tatsächlich noch jemanden für einen ziemlich dreisten »Moorhuhn 2«-Clone begeistern zu können. So rief man das ASE-Virus ins virtuelle Leben. ASE steht für »Avis-Spongiforme-Enzephalopathie« oder schlicht und ergreifend Vogelwahnsinn. ASE hat die halbe Vogelwelt infiziert. Um zu verhindern, dass sich die restlichen Vögel auch noch anstecken, legen wir uns mit Betäubungspistole – wir sind ja schließlich Tierfreunde – und zehn Schuss pro Magazin ausgestattet auf die Lauer und ballern auf alles, was sich über den Bildschirm bewegt.

Für alle, die die letzten drei Jahre hinter dem Mond verbracht haben, hier eine kurze – aber prägnante – Darstellung des Spielablaufs: Innerhalb eines Zeitlimits ballert ihr Euch in einer Art Ego-Perspektive durch eine nach links oder rechts scrollbare Landschaft. Von links nach rechts oder von rechts nach links flattern Vögel über den Bildschirm, die ihr, falls ihr es schafft, euer Fadenkreuz unter Zuhilfenahme der Maus über einem Vogel zu platzieren und rechtzeitig den Finger auf die Maustaste zu senken, mit lautem »Peng!« und »Paff!« vom Bildschirm entfernen könnt. Für jeden entfernten Vogel gibt’s Punkte. Wer innerhalb eines Zeitlimits die meisten Vögel erwischt, hat dementsprechend auch die Chance, die meisten Punkte zu ergattern.

Soweit also nichts neues. Was könnte irgend jemanden dennoch dazu animieren, dieses 20 Euro teure Game gegenüber »Moorhuhn 2« oder der gar kostenlos herunterladbaren »Moorhuhnjagd« vorzuziehen?

Nun, zunächst bietet »Birdie Shoot« sage und schreibe vier Landschaften, einen Turniermodus und einen Multiplayer-Modus. Um eurer Begeisterung den Wind aus den Segeln zu nehmen: So wirklichen Einfluss auf den Spielverlauf haben die jeweiligen Landschaften nicht, der Turniermodus spult lediglich die vier Landschaften nacheinander ab und im Multiplayer darf man schön artig vorm Rechner Schlange stehen, weil nacheinander gespielt werden muss.
Doch machen wir weiter mit den unglaublichen Neuerungen: Mehr als ein halbes Dutzend unterschiedlicher Vogelarten soll es geben – dies sei einfach mal dahingestellt, ich hatte kein Verlangen danach, sie zu zählen. Ob nun gerade eine Taube oder ein Huhn über den Schirm flattert ist ohnehin egal, jeder Vogel verhält sich absolut gleich.

Eindeutig neu ist, dass die Vögel zu merken scheinen, wenn sie von euch ins Visier genommen werden. Sobald ihr mit dem Fadenkreuz in die Nähe eines Vogels kommt, beschleunigt er seinen Flug schlagartig. Hier ist also schnelle Reaktion gefragt. Auch das Punktesystem unterscheidet sich etwas vom Original. In »Birdie Shoot« können die Vögel noch getroffen werden, wenn ihr sie bereits einmal abgeschossen habt und sie in Richtung Boden fallen. Neu ist ein Kill-o-Meter am rechten Bildschirmrand. Jeder Vogel, den ihr trefft, lässt diesen ein wenig in die Höhe schnellen. Trefft ihr eine Zeitlang keinen Vogel, fällt der Pegel allerdings wieder. Schafft ihr es, den Pegel bis an den obersten Rand des Kill-o-Meter zu treiben, gibt’s ein paar Bonuspunkte.

Wie im Vorbild gibt es auch bei »Birdie Shoot« versteckte Extras, die es in den Levels zu entdecken gilt und die, falls Opfer eurer Schießwut geworden, euer Punktekonto ein wenig aufbessern, z. B. ein Ochse auf dem Berg, die Latten eines Zaunes oder die Nase eines Schneemannes.

Die Hersteller halten das Spiel und seine Regeln offensichtlich für so simpel und einfach zu begreifen, dass man kein Handbuch, sondern lediglich eine kurze Readme-Datei auf der CD mitliefert. Diese Datei enthält zwar die wichtigsten Informationen zum Spiel, nichtsdestotrotz halte ich eine gedruckte (!) Bedienungsanleitung – noch immer – für selbstverständlich.

Die Grafik des Spiels ist durchschnittlich. Die Landschaften sind ziemlich groß, allerdings wirken einige über weite Teile eintönig bzw. leer. Außerdem sieht man ihnen – für mein Empfinden – deutlich an, dass sie künstlich in irgendeiner 3D-Software erzeugt wurden. Das Scrolling in mehreren Ebenen und die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche nehme ich wohlwollend zur Kenntnis. Allerdings hilft auch das nicht wirklich, den Gesamteindruck in höhere Wertungsregionen zu heben, denn die teilweise wirklich bizarr aussehenden Vögel reißen alles wieder nach unten. Comicstil hin oder her, was die Jungs mit den Tauben oder den Störchen angestellt haben, ist unfein. Die Hühner hingegen haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihren Pendants aus dem Original-Spiel und, naja, der Rest ist halt »der Rest«…

Zum Sound. Musik gibt’s nur nach Ablauf des Zeitlimits, ansonsten hören wir Vogelzwitschern, Atmosounds, Schüsse und Schmerzensschreie der abgeschossenen Vögel. Ich sage euch: Diese Schreie gehen ins Mark – und belasten das Zwerchfell. Alleine die Vorstellung, wie ein paar Jungs im besten Alter bei den Aufnahmen zu solchen Sounds um ein Mikrofon herumsitzen, abwechselnd »Argh!«, »Ahhhh!«, »Uaaaahrghhh!«, »Kreisch!«, »Pok-pokpooook!« sowie vergleichbare Laute ausstoßen und dabei noch versuchen, wie ein Vogel zu klingen (was natürlich nicht gelingt), hat mir einige Minuten hämischen Amüsements beschert.

Die Technik des Spiels bietet das, was nötig ist um spielen zu können, keinen Deut mehr. Die Bildschirmauflösung lässt sich nicht verändern und auch der Sound lässt sich nicht regulieren… – aber was sollte man bei dem großartig regulieren wollen? »Birdie Shoot« kann sowohl unter Mac OS 9 als auch unter Mac OS X betrieben werden, letzteres allerdings erst, nachdem der Carbon-Patch installiert wurde.

Fazit

»Birdie Shoot« ist ein lauwarmer Clone eines Überraschungshits. Das Spiel taugt durchaus für eine schnelle Runde zwischendurch, allerdings hat man nach dieser schnellen Runde alles vom Spiel gesehen. Jeder, dem sowas 20 Euro wert ist, darf zugreifen, sollte sich aber dennoch fragen, ob er nicht auch schon vom ASE-Virus befallen ist…

Christian Schramm

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