Chessmaster 9000

„Those who say they understand chess, understand nothing“ (Hubner). Schach ist Konzentration, eine sportliche Herausforderung, eine mathematische Demonstration und Schach ist auch ein Spiel. Chessmaster kehrt nach fünfjähriger Abstinenz wieder auf den Mac zurück und protzt mit seiner Leistungsfähigkeit.

30 verschiedene Figurensätze, ebenso viele Bretter, in 2D oder 3D, 150 unterschiedliche Computergegner vom Anfänger bis zum Großmeister, über 800 klassische Partien einschließlich der besten Großmeister-Partien aus den Jahren 2001 und 2002, und dann noch 500.000 gespeicherte Schachspiele in der Datenbank. Chessmaster 9000 überzeugt durch solche Zahlen. Doch entscheidend sind bei diesem Spiel vielmehr die inneren Werte.

Hier blicken wir auf eine 15-jährige Entwicklungzeit. Der Erfolgsfaktor der Chessmaster-Serie ist schließlich die Engine. Dieser Motor (Version 3.23) von Johan de Koning – daher wird der Rechenkern auch „The King“ genannt – tritt an, seine internationale Fangemeinde mit seiner Kernkompetenz, dem schöpferischen Angriffsschach, auch heute noch zu faszinieren. Unumgänglich ist es in jeder neuen Version, eine Geschwindigkeitssteigerung zu erzielen. Taktik ist schließlich einer der großen Faktoren im Schach. Die neue King-Version ist etwa 25% schneller als die Vorgängerversion, die noch im Chessmaster 8000 (seit Version 3000 sind diese ausschließlich für Windows erschienen) arbeitete. Die für die Suche wichtige Selektivität wurde von sechs auf neun Halbzüge erhöht. Zur Seite wurde dem neuen Motor die „allwissenden“ Tablebases und ein wesentlich größeres Eröffnungsbuch gestellt.

Doch all das ist nebensächlich, es geht der Fangemeinde des Chessmaster, wie gesagt, um den Feinschliff beim Kampf um Initiative und die Kunst des virtuosen Abschluss in einem mitreißenden Königsangriff. Und am Ende zählen schlichtweg Resultate, da unterscheidet sich auch Chessmaster von keinem strategischen Ego-Shooter. Jede ausgefeilte Taktik soll letztendlich zum Ziel führen: Gewinnen!

Wie schlägt sich also Chessmaster 9000, besser die Engine?

2002 trat die PC-Version von Chessmaster 9000 gegen Larry Christiansen, Großmeister (aktuell hat er eine ELO-Wertung von 2524) an. Chessmaster 9000 gewann knapp mit 2,5 zu 1,5. Ein Favorit unter den Computerschach-Engines ist „Fritz“ von Chessbase. Fritz 6 gelang es immerhin, von 16 Partien 5 für sich zu entscheiden, 8 endeten mit Remis (unentschieden) und Chessmaster 9000 konnte mit 3 erfolgreichen Spielen am Ende nur die Gesamtniederlage akzeptieren.

Apropos ELO: Das ELO-System ist ein Wertungssystem, das ein Maß für die Spielstärke der Spieler geben soll. Durch die ELO-Zahlen ist eine Klassifizierung aller Schachspieler möglich und die Spielstärke (annähernd) feststellbar. Garry Kasparov hat aktuell übrigens einen ELO-Wert von 2812. Leider fehlt gerade dieser herausragende Spieler in der aktuellen Version von Chessmaster. In der Vorgänger-Version soll er noch dabei gewesen sein. Aber es gibt auch so genügend andere herausragende Spieler als mögliche Gegner wie zum Beispiel Karpov oder Fischer.

Nach diesem tieferen Einblick wechseln wir die Perspektive und schauen auf die Äußerlichkeiten des Spiels. Chessmaster 9000 wird in einer DVD-Verpackung geliefert. Einzig die Verpackungsbeschriftung ist deutsch, sowohl das Spiel selbst als auch das Handbuch sind in englischer Sprache. Das gedruckte Handbuch – ähem, Heftchen – kann nur sehr oberflächlich einen Gesamteindruck vermitteln. Hilfreicher und immerhin 54 Seiten umfassend ist das beiliegende PDF-Dokument.

Chessmaster 9000 läuft Fenster-basiert – wie unschwer anhand der Screenshots zu erkennen ist – und benötigt die DVD zum Start. Zugegeben, beim ersten Start wirkt alles etwas überfrachtet und verwirrend. Auch ich musste mich erst etwas in den Aufbau eindenken und dann doch überwältigt erkennen, dass es faktisch jeden Wunsch eines Schachspielers befriedigt. Chessmaster 9000 ordnet die Grundfunktionalitäten unterschiedlichen Räumen zu: Game Room, Classroom, Library, Tournament, Database, Kids‘ Room und CM Live.

Nein, wir werden uns nunmehr nicht jeden Raum vom „Teppich“ bis zur „Decke“ anschauen, aber blicken wir wenigstens kurz in jedem rein.

Zentrale Anlaufstelle dürfte der Game Room sein. Zu zweit oder doch gegen den Computer, als Anfänger oder Großmeister, gegen Karpov oder Fischer, ganz wie man möchte. Hier ist faktisch alles möglich, Stellungen können individuell aufgebaut werden, auf Wunsch erhält man Zugempfehlungen oder man kann auch einen Zug wieder zurück nehmen. Also schlichtweg die Spielwiese für den Schach-Fan. Leider funktioniert die Auswahl eines Computergegners unter MacOS X 10.4.1 – im Gegensatz zu 10.3.9 – nicht, es kommt sogar zum Absturz des Spiels. Sicherlich wird die nächste Version diesen Fehler beheben. Wir informieren den Publisher.

Tournament; hier gelten die harten Regeln, keine Hilfen und kein Rückziehen, dafür aber eben unter echten Turnierbedingungen zum Beispiel als Blitzturnier. Die Bibliothek (Library) enthält 800, zum teil sehr historische Partien, die ausführlich studiert werden können. Ergänzend können in der Datenbank eigene Partien archiviert werden, oder Spiele von anderen importiert werden (das Dateiformat PGN ist das Standardformat hierfür). Darüber hinaus sind bereits 500.000 Partien vorhanden.

Das Klassenzimmer (classroom), wen wundert es, ist das Ausbildungszentrum von Chessmaster 9000. Hier können die Regeln und Strategien erlernt werden und die Züge und Besonderheiten der einzelnen Figuren trainiert werden. Zudem warten 2.200 Eröffnung auf ihre Entdeckung. Für Kinder gibt es mit dem Kids‘ Room auch eine eigenes Zimmer zum Spielen, Lernen und Entdecken des Schachsspiels. Aber ganz ehrlich, für Kinder empfehle ich lieber Fritz & Fertig – Schach lernen und trainieren.

Enttäuschend war der Live-Raum. Dahinter verbirgt sich schlichtweg die Möglichkeit über das lokale Netzwerk oder übers Internet mit anderen gemeinsam eine Partie zu spielen. Lokal stand niemand zum Test zur Verfügung. Umso mehr setzte ich auf GameRanger. Hierüber werden die Internet-Kontakte hergestellt. Leider ließ sich an mehreren Tagen kein Gegner blicken – schade.

Natürlich ist die 3D-Optik des Schachbretts sehr schön, aber weder Frames noch Shader sind für dieses Review ausschlaggebend. Chessmaster 9000 lässt sich grafisch viel besser mit normalen Anwendungsprogrammen unter Mac OS X vergleichen und fügt sich hier harmonisch ein. (Die leicht veränderte Darstellung der Fenster in den Screenshots begründet sich übrigens in meiner mutwilligen Modifikation des User Interfaces meines Gesamtsystems – ShapeShifter lässt grüßen.)

Optional können die Züge angesagt werden, natürlich auf englisch. Formulieren wir es besser so: der Sound beeinträchtigt die Konzentration keinesfalls und ist unauffällig.

Fazit:

Chessmaster 9000 ist ein überaus komplexes und leistungsstarkes Computerschachprogramm für Mac OS X. Es berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse seiner Anwender, lässt sich vielfältig konfigurieren und anpassen. Ohne Zweifel: Chessmaster 9000 ist das beste Schachprogramm auf dem Mac – es gibt aber auch keinen ernsthaften Konkurrenten. Für Kinder im Grundschulalter ist Fritz & Fertig sicher die bessere Alternative.

Die Abstürze unter Mac OS X 10.4.1 sind sicherlich sehr bald behoben, so dass vor allem die fehlende deutsche Übersetzung des Spiels und Handbuchs ärgerlich sind. Und unterwegs am Powerbook ist die erforderliche DVD sicherlich auch ein Übel.

Update: Der Redaktion liegt zwischenzeitlich eine Beta-Version einer neuen Programmversion vor, damit tritt der Fehler unter Mac OS X 10.4.x nicht mehr auf.

Ulf Hauf

Verfügbarkeit

Zu haben ist das Produkt im macinplay-Shop.

Bilder (klicken für mehr)

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