Neverwinter Nights

Einst war die Stadt Niewinter mächtig und reich, aber dann kam der Heulende Tod, der in den Straßen Niewinters Angst und Schrecken verbreitete. Viele Einwohner sind dieser mysteriösen Krankheit bereits erlegen und um eine Ausbreitung der Epidemie zu verhindern, wurde über die gesamte Stadt eine Quarantäne verhängt. Fürstin Aribeth del Tylmarande rief alle fähigen Abenteurer zu sich, um die Ordnung in der Stadt aufrecht zuhalten, aber dann wurde die Burg Nie plötzlich von Unbekannten angegriffen. Wie es scheint haben die Angreifer auch etwas mit dem Heulenden Tod zu tun, denn die magischen Kreaturen, aus denen man ein Heilmittel herstellen wollte, werden entführt. Nun liegt es an uns, ein schlimmes Schicksal von Niewinter abzuwenden und den Drahtzieher dieses Angriffes zu finden. Leider entpuppt sich dabei nicht jeder Helfer als Verbündeter und einige überraschende Wendungen erwarten uns.

Das Spiel Neverwinter Nights spielt wie alle anderen Rollenspiele von BioWare in Faerun, der magischen Welt des Pen & Paper-Rollenspiels „Dungeons & Dragons“. Neu ist, dass man diesmal nicht aus einer isometrischen Ansicht (von schräg oben) sondern in einer komplett dreidimensionalen Welt spielt. Aber das ist nicht die einzige Änderung, die BioWare vorgenommen hat. Insgesamt kann man sagen, dass Neverwinter Nights actionbetonter ist als die Spiele der „Baldus’s Gate“-Reihe. Mir ist Neverwinter Nights damit schon ein wenig sympathischer.

Wie immer geht es mit der Erstellung eines Charakters los, grob hat man die Auswahl zwischen Kämpfern und magiebegabten Helden, zum Beispiel gibt es Barbaren, Paladine, Druiden, Magier, Waldläufer und Mönche. Jede dieser Klassen hat einzigartige Fähigkeiten und positive als auch negative Seiten. Weiter verfeinert wird das durch die auswählbare Rasse wie beispielsweise Mensch, Elf, Halbling oder Halb-Ork, auch diese Entscheidung hat Einfluss auf die Fähigkeiten des späteren Charakters. Durch die Wahl der Klasse und Rasse ist man bereits bei einigen Beschränkungen der Charakterwerte unterlegen, Magier müssen beispielsweise hohe Intelligenz haben, während es beim Kämpfer eher auf Kraft und Geschick ankommt. Weil man mit der Erschaffung eines Charakters diesen quasi von der nullten auf die erste Stufe hebt, darf man auch ein paar Talentpunkte verteilen und sich natürlich das Aussehen des Helden aussuchen.

Die Geschichte fängt zunächst ganz harmlos an, wir befinden uns in der Akademie von Niewinter und sollen erst einmal lernen, wie man mit dem Interface umgeht, wie man kämpft und eine Stufe aufsteigt. Dieses Tutorial ist sehr schön gemacht, da es nahtlos in den Handlungsverlauf eingebaut wurde und man es eben nicht als solches erkennt. Richtig los geht unser Abenteuer, wenn wir eigentlich das Lob für unsere bestandene Prüfung erhalten sollen: Plötzlich fallen unbekannte Schurken ein und es kommt zum Kampf. Es gelingt uns zwar, die Angreifer abzuwehren, nur leider haben sie die bereits erwähnte Kreaturen entführt, weswegen unser erster Auftrag klar definiert ist: Die Kreaturen finden und zurück bringen. Aber ein Rollenspiel wäre kein echtes Rollenspiel, wenn da nicht viele andere kleine und große Dinge dazwischen kommen würden. Schnell wird die Handlung von Neverwinter Nights immer dichter, und das Notizbuch ist bitter nötig, um wenigstens einigermaßen den Überblick zu behalten.

Die Sache ist natürlich nicht so einfach wie sie sich am Anfang darstellt, der Angreifer ist kein wahnsinniger Magier, sondern gleich eine ganze Gruppe derer, die später als Kultisten bezeichnet werden. Nach zahllosen Wendungen und vielen Nebenaufgaben habe ich die eigentlich Aufgabe fast vergessen. Jeder Abschnitt wird mühsam, weil Information zur Lösung der Gesamtaufgabe nur schwer zu bekommen sind. Aber als echter Held geben wir natürlich nicht auf!

Steuern lässt sich das Ganze mit der Maus, ein Klick genügt und schon setzt sich unser Charakter in Bewegung. Klickt man auf einen freundlich gesonnen NPC, beginnt man ein Gespräch, und weil das mit Gegnern vermutlich eh keinen Zweck hätte, greift man diese dann bei einem Mausklick natürlich sofort an. Mit einem Rechtsklick – falls man nur die Eintasten-Maus von Apple hat geht ctrl-Klick – ruft man das Menü für alle anderen Interaktionen auf. Hier kann der Charakter angewiesen werden, eine Tür einzuschlagen oder es doch lieber erst mit den Dietrichen zu versuchen. Aber auch gezaubert wird mit diesem Menü. Bis ich mich allerdings bis zum richtigen Zauber durchgearbeitet hätte, wäre der Gegner vermutlich schon tot, deswegen kann man das ganze Spielgeschehen mit der Leertaste pausieren und in Ruhe nach dem richtigen Zauber suchen oder einen Heiltrank nehmen. Leider ist das Menü bei einigen Hintergründen schwer zu erkennen, da es halb transparent ist und man in dunklen Gewölben dann etwas verwirrt umherklickt.

Mit der Taste „C“ ruft man den Charakterbogen auf, in dem alle wichtigen Infos nachzulesen sind, also welchen Status man gerade hat, wie lange es noch dauert bis zum nächsten Stufenanstieg und welche Talente verfügbar sind. Das Inventar ruft man mit der Taste „I“ auf, hier hat man jetzt sechs „Schubladen“ für zahlreiche wichtige und unwichtige Gegenstände, aber alles mitnehmen geht dann doch nicht: Auf Basis der Eigenschaft „Stärke“ gibt es ein maximales Tragegewicht. Bei Baldur’s Gate fand ich immer störend, dass die Karte nicht gleichzeitig mit dem Spielgeschehen im Bild war, das wurde jetzt verbessert. Mit der Taste M ruft man eine Minimap auf, die einem den Weg zeigt. Daneben gibt es das bereist erwähnte Notizbuch, in dem die Aufgaben notiert werden, und das Zauberbuch, um Zauber zuzuweisen und zu erlernen.

Hat man genug Erfahrung für die nächste Stufe gesammelt kann der Charakter aufsteigen. Hierbei gibt es drei verschiedene Bereiche, die man verbessern kann: Als erstes wählt man die Klasse, in der man aufsteigen möchte, also meistens die Klasse, die man bei der Erstellung gewählt hat, aber es sind durchaus auch Mischcharaktere möglich. So erlangt man zwar keine Perfektion in einem Bereich, aber kommt auch als Kämpfer in den Genuss von ein paar Zaubersprüchen. Danach kann man seine Fertigkeiten aufbessern, zum Beispiel Disziplin oder Konzentration, die Spezialangriffe des Gegners verhindern können. Auch Schlösser knacken und Fallen entschärfen fällt hier rein, aber beides habe ich Mangels genügend Fertigkeitspunkten nie geschafft. Der letzte Bereich sind Talente und Charakterwerte, erstere sind nötig für spezielle Attacken und Waffengattungen. Erstmals in einem D&D Computerspiel ist es möglich, nach der Erstellung noch Charakterwerte dauerhaft zu verbessern, alleine diese Möglichkeit verdient einen großen Pluspunkt.

Damit wären die spieltechnischen Aspekte abgehandelt, aber wie spielt es sich denn nun? An einigen Stellen frage ich mich doch, wie man diesen Gegner schaffen soll oder jene Kiste plündern kann, da diese sehr mächtig geworden sind. An anderen Stellen hat man das Gegenteil: große Horden von Gegnern, die allesamt leicht zu besiegen sind. Die Steuerung klappt hervorragend, nur die Kamera macht im Automatik-Modus nicht immer das was sie soll. Wenn ich zoome kann es nämlich schnell passieren, dass ich außer einer schwarzen Wand nichts mehr sehe.

Neverwinter Nights gliedert sich in vier Kapitel, für die man circa 60 Stunden Spielzeit rechnen sollte. Das erste Kapitel spielt ausschließlich in der Stadt Niewinter und bringt noch überraschende Wendungen in der Geschichte. Die Palette der Handlungsorte reicht hier von Wirtshäusern, in denen man Söldner anheuern kann, über verfallene Häuser und dunkle Kellergewölbe bis hin zu den Palästen der Adligen und Magier.

Im zweiten Kapitel geht es dann aus der Stadt hinaus in die Wildnis, hier bekommt man Wald und Wiese zu Gesicht, die leider aufgrund der Spielengine etwas eckig aussieht. Die Orte, die man besuchen kann haben solche klangvolle Namen wie Köhlerswald und Niewinterwälder, aber wir besuchen auch zwei neue Städte, nämlich Letzthafen und Luskan, in dem wir eine böse Überraschung erleben. Wenn man die Einzelspielerkampagne durchgespielt hat, kann man online weiterspielen oder sich eine Modifikation herunterladen. Eine sehr interessante Möglichkeit ist es, im Netzwerk (mit bis zu 64 Teilnehmern in einem Spiel!) ein Spiel eröffnen, in dem ein Spieler den Part des Spielleiters übernimmt. Dieser kann dann Gegner und Gegenstände platzieren und die normalen Kampagnen etwas spannender gestalten. Die Erstellung eigener Kampagnen ist leider nicht möglich, da die Aurora-Editoren nicht für den Mac portiert wurden.

Ein paar Anekdoten aus dem Leben eines Neverwinter Nights-Spielers: Im zweiten Kapitel kämpft man gegen Trolle, die sich seit jeher regenerieren können, was ja ganz nett ist, aber wenn der „Held“ dreimal trifft, der Gegner fast tot ist und danach eine Phase kommt in der sich der Gegner fast komplett heilen kann, weil der „Held“ ihn nicht ein einziges Mal treffen kann, dann ist das schon blöd. Und so geschah es, dass ich für einen Trollhäuptling aus reiner Neugier die Unverwundbarkeit anstellte und nachschaute wie lange ich für diesen Gegner brauche (mit Heiltränken zwischendrin einnehmen dauert das ganze sicherlich 75% länger), Ergebnis war, dass dieser Gegner doch schon nach 18 Minuten tot am Boden lag. Ein Gefolgsmann hilft hier ein wenig, es kommt aber sehr drauf an, welchen der sieben Abenteurer man mitnimmt. Einige sind sehr starke Nahkämpfer und eine große Hilfe, die magiebegabten Helfer verfeuern ihr gesamtes Pulver sehr schnell und sind danach leichte Beute. Übrigens lassen sich Trolle mit Feuer oder Säure besser bekämpfen als mit Stahl.

Daneben gibt es auch noch ein paar ziemlich tolle Sprüche und Texte, wie zum Beispiel in folgender Situation: Es ist dunkel geworden und ich stehe auf dem Marktplatz, außer mir steht da eine Sonnenuhr die mir auf einen Klick verrät „Nach der Sonnenuhr ist es jetzt Mitternacht“. Aha, alles klar, ist ja eine Fantasy-Welt, da geht das. Auch interessant ist der tägliche Kampf mit Kisten und Türen, wenn man diese aufbrechen will. Da steht mein lieber Held vor einer Kiste, die sich ganz bestimmt nicht bewegt und meint „Ziel verfehlt“. Ja, das ist ein Phänomen aller Rollenspiele, selbst der dümmste Bauer trifft ein stehendes Objekt, nur die Helden nicht.

Als störend finde ich, dass im dritten Kapitel Leerlauf entsteht, hier soll man ein paar Artefakte suchen, diese sind in drei verschiedene Richtungen zerstreut, aber keiner kann einem sagen wo genau. Nun läuft man dutzend Mal von einer zur nächsten Person und befragt diese, schaut noch mal ein bereits besuchtes Gebiet durch, ob man nichts übersehen hat und kommt einfach nicht wirklich weiter. In Verbindung mit der nicht gerade anspruchsvollen Aufgabe Horden von Monstern zu töten, die allesamt recht leicht sind und viel Lauferei wird der Spieler hier auf eine harte Probe gestellt. Wenn man keine Ideen für einen Zwischenakt hat, dann sollte man vielleicht zum Ende kommen und nicht auf Teufel komm raus noch einen Akt dazu basteln.

Die Grafik von Neverwinter Nights ist für ein Rollenspiel gut bis sehr gut, einzig und alleine Dungeon Siege kann da auf dem Mac mithalten. Die Schatteneffekte von mehreren Lichtquellen gleichzeitig brauchen zwar viel Performance, sehen aber verdammt schick aus. Auch das farbige Licht sieht klasse aus. Besonders wenn man sich mit einer Fackel durch dunkle Gewölbe kämpft, kommt phantastische Atmosphäre auf. Die hochaufgelösten Texturen und Spiegelungen tragen weiter dazu bei. Die Figuren sind durchweg gut modelliert, nur manchmal fällt auf, dass sie aus nur wenigen Polygonen bestehen. Viel Mühe hat man sich auch mit den Animationen gegeben, ich glaube sogar gesehen zu haben, dass der Charakter mit einem Rapier eher sticht und mit Schwertern und Säbeln stattdessen lieber zuhaut. Anscheinend das erste Rollenspiel, bei dem Waffengattungen auch unterschiedliche Kampfstile haben, wie in der Realität auch.

Besonders effektvoll kommen natürlich Zaubersprüche rüber, hier sprüht es nur so vor Funken, was es aber auch tut, wenn zwei Schwerter aufeinander treffen. Hier gibt es keine animierten Bitmaps zu bewundern, sondern richtige Partikeleffekte, weswegen man auch eine einigermaßen gute Grafikkarte sein Eigen nennen sollte. Wettereffekte wie Schnee oder Regen sind ebenfalls Partikeleffekte und komplementieren die gelungen Grafiksets von Stadt und Land. Leider können die Zwischensequenzen mit der Spielgrafik nicht mithalten, das Intro ist etwas zu pixelig geraten und danach gibt es nur noch Standbilder, die die Geschichte weiter erzählen. Die Performance ist in weiten Teilen akzeptabel, aber an einigen Stellen wird es fast unspielbar, hier wäre zum Beispiel der Friedhof von Luskan und die Stadt an sich zu nennen.

Neverwinter Nights zeigt sich äußert musikalisch und stimmt die Musik auf das Geschehen ab, kommt es also zu einem Kampf wird die Musik dramatischer und verflacht dann wieder, wenn man sich in ruhigere Gebiete zurückzieht. Die Stücke sind zwar abwechslungsreich, aber irgendwann wiederholen sie sich natürlich schon, gerade bei einem Spiel mit einer langen Spielzeit wie ein Rollenspiel. Was für die Musik gilt, gilt auch für den Rest der Geräuschkulisse, auf den Marktplätzen geht es zwar aufgrund der Pest nicht ganz so laut zu, aber Wasserrauschen, Wind und knisternde Fackeln hören sich sehr nett an. Die deutschen Stimmen der Charaktere sind in Ordnung, wenn auch gelegentlich nicht wirklich passend zum Geschehen.

Beim Spielen ist mir nur ein kleiner Fehler aufgefallen: Manchmal wird der Inhalt des Gepäcks nicht angezeigt. Nach einem erneuten Laden ist das Inventar wieder voll sichtbar. Der Patch auf Version 1.32 behebt dieses Problem leider auch nicht. In einigen Spielsabschnitten ist das sehr nervig, deswegen ziehe ich 0,5 Punkte von der Gesamtwertung ab. Einmal gab es einen Laufzeitfehler, der das Spiel nicht zum Absturz brachte, aber permanent das Log unten am Bildschirm vollschrieb, nach einem Neustart des Spiels war dieser Fehler aber wieder weg. Weitere 0,5 Punkte Abzug gibt es für ein Golemrätsel, dass man mit gesundem Menschenverstand alleine leider nicht lösen kann; ohne Komplettlösung ist also im dritten Kapitel Schluss für mich gewesen.

Schön ist der Lieferumfang des Spiels: Endlich einmal wieder kommt ein Spiel in einer großzügig gestalteten Pappverpackung, die neben den beiden CDs ein 192 Seiten fettes Handbuch und außerdem noch eine kleine Übersichtskarte über die meist gebrauchten Befehle bietet. Das gibt einen halben Sonderpunkt in der Bedienungs-Wertung.

Fazit:

Neverwinter Nights ist für mich das spannendste Rollenspiel seit langem, egal ob Rollenspieler oder normaler Computerspieler, an diesem Spiel hat man lange Freude. Das gesamte Konzept kann durchweg überzeugen, die Grafik, der Sound und die Handlung lassen einen so tief in die Welt von Faerun eintauchen, dass man den Rest der Welt vergisst. Auf jeden Fall die Demo anspielen!

Felix Gelpke

Verfügbarkeit

Zu haben ist das Spiel im macinplay-Shop oder bei Amazon.

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