Riven: The Sequel to Myst

Riven ist der Nachfolger zu Myst, einem der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten, und hat daher ein schweres Erbe anzutreten. Das zeigt sich schon in der Entwicklung, denn Riven hat eine besonders bewegte Entwicklungsgeschichte hinter sich. Die Arbeiten an Riven wurden schon in dem Jahr angefangen, in dem der Vorgänger, also Myst, offiziell erschienen ist – und das war 1993. Die Fans von Myst erwarteten vom Nachfolger Riven nicht weniger als eine erneute Revolution, was das Entwicklerteam natürlich sehr unter Druck setzte. So zogen sich die Arbeiten an Riven hin, der Erscheinungstermin musste immer wieder nach hinten verschoben werden, bis Riven schließlich nach vier Jahren Entwicklungszeit dann doch erschien. Das Warten hatte sich aber gelohnt, auch Riven brach alle Rekorde, und die Fans waren begeistert, denn sie erhielten zwar keine neue Revolution, aber ein Spiel, das nicht bloß Nachfolger war, sondern vielmehr der fehlende Teil von Myst, das dadurch endlich komplettiert wurde.

Im Nachhinein sind Myst und Riven eher als eine große Einheit zu sehen denn als zwei unterschiedliche Spiele, so eng sind die beiden durch Spielverlauf und Inhalt miteinander verknüpft, und nur zusammen werden der komplette Hintergrund und das gesamte Spielgeschehen klar.

Daher wird dieses Review viele Vergleiche zu Myst machen, und ich rate allen, Myst und Riven hintereinander und nicht voneinander getrennt (oder gar einzeln) zu spielen. Viele Ideen, die in Myst nur angerissen wurden, finden in Riven eine Fortführung, und ohne das Spielen von Myst verliert man bei Riven einiges vom besonderen Flair.

Inhaltlich knüpft Riven nahtlos an das Ende Myst an, denn das Intro von Riven beginnt genau da, wo Myst aufhörte und bringt den Spieler im Auftrag von Artrus auf die Welt von Riven,, wo man ein großes Unheil verhindern muss und im Verlauf des Spiels einiges über den Hintergrund von Myst und Riven erfährt.

Grafisch ist Riven ein Quantensprung nach vorne und selbst nach heutigen Maßstäben noch wirklich gut. Wo ich noch bei Myst drüber gemeckert hatte, dass die Standbilder wirkliche Standbilder sind, sich also eigentlich gar nichts bewegt, so ist Riven geradezu vollgepackt mit Animationen und Bewegungen. Jeder Schalter löst eine Animation aus, in den Bildern gibt es häufiger mal kleine, subtile Bewegungen, die zwar das Spiel überhaupt nicht tangieren, aber die Welt so viel lebendiger machen. Da einem bei aller Liebe zu den Animationen irgendwann die hundertste animierte Türklinke doch auf die Nerven geht, kann man diese aber glücklicherweise überspringen. Die Grafiken sind endlich in einer zeitgemäßen Farbauflösung, und die Detailfülle ist immens. Wie auch schon in Myst haben sich die Grafiker voll ausgetobt und viele ungewöhnliche Ideen umgesetzt, wobei manche wunderschön, andere wiederum fremdartig und wieder andere einfach nur bizarr sind. In einem Punkt bekleckert sich Riven grafisch allerdings nicht mit Ruhm, und das ist bei der Auflösung, denn diese bietet unverändert keine Vollbildmodi an, so dass man sich bei heutigen Auflösungen wieder mit einem Guckloch begnügen muss. Der Sound ist unverändert gelungen, auch bei Riven gibt es wieder eine realistische Geräuschkulisse mit spärlich eingesetzter, aber effektvoller Musik.

Riven benutzt das gleiche Interface wie sein Vorgänger Myst und bleibt im Kern ebenfalls ein Point-and-Click-Adventure. Die Navigation ist also sehr einfach gehalten, man klickt in den Bildern herum und bewegt sich von Bild zu Bild durch das Anklicken der Ränder. Ob nun technische Gründe eine anderes Interface verhindert haben oder die Fans ihre Myst-Steuerung lieb gewonnen hatten und behalten wollten weiß ich nicht, aber die Standbildnavigation war schon bei Myst veraltet, und auch Riven hinkt in diesem Punkt der Technik hinterher. Leider haben die Entwickler auch bei Riven meine weiteren Kritikpunkte am Interface von Myst nicht behoben und weder ein Inventar (was durchaus verschmerzbar ist) noch eine Notizfunktion eingefügt, wobei diese noch schmerzlicher vermisst wird als in Myst, denn Riven ist deutlich größer als Myst, was noch längere Laufwege bedingt (und einem mehr Zeit gibt, wichtige Hinweise unterwegs zu vergessen).

Das eigentliche Gameplay wird wieder von Rätseln bestimmt. Riven unterscheidet sich allerdings deutlich vom Vorgänger und auch von allen anderen Adventures. In Riven sind die Rätsel sehr natürlich in die Welt eingebettet, sie wirken auch gar nicht als Rätsel sondern vielmehr wie Teile der Umgebung, die vom Spieler eher entdeckt und erforscht als „gelöst“ werden. Die Rätsel sind zwar von der ungefähren Struktur her wieder stark an Myst angelehnt, etwa mit Geräuschrätseln, oder exotischen Schalterrätseln, aber das Ganze wirkt sehr natürlich, als ob man fremdartige Geräte bedienen muss, die man nicht versteht. So ungefähr würde sich wohl auch ein Kreuzritter fühlen, der in unserer Zeit landen würde und versucht, einen Videorekorder zu programmieren. Alles ist nicht-linear, so dass man nicht wie in anderen Adventures quasi zum nächsten Rätsel gezwungen wird, sondern nach eigenem Ermessen und Gutdünken die Geheimnisse von Riven erforschen kann.

Sehr beeindruckend ist auch die Tiefe, die Riven in Bezug auf den Hintergrund und den Inhalt hat. Die Entwickler haben nicht weniger als eine vollständige Kultur erschaffen, komplett mit Geschichte, Schrift und Ähnlichem. Man erfährt viel über das Volk der D’ni und auch einiges zum Hintergrund von Myst, so dass man wirklich in diese andere Welt eintaucht und ein jeder Ethnologe seine helle Freude hätte. Dagegen wirkt selbst die Erlebniswelt von Myst etwas oberflächlich. Kaum ein anderes Spiel bietet derartigen Tiefgang, und ich bin erstaunt über die Akribie und die Perfektion, mit der die Entwickler diese Welt geschaffen haben.

Ein Problem entsteht allerdings durch die Größe von Riven und die immense Komplexität, denn auch wenn alle Rätsel letztendlich logisch nachzuvollziehen sind, werden wohl viele Spieler an der immensen Größe der Rätsel scheitern, denn wie auch in der realen Welt liegen Ursache und Wirkung auch bei den Rätseln von Riven oftmals weit auseinander. Dazu kommt, dass Riven wie erwähnt nicht-linear ist, also den Spieler wie in der richtigen Welt auch nicht mit der Nase vor das nächste Rätsel stößt, sondern das Finden des nächsten Rätsels eigentlich schon wieder ein Rätsel in sich ist. Die meisten werden wohl – so wie ich – irgendwann frustriert zur Komplettlösung greifen müssen.

Davon abgesehen ist Riven deutlich länger als Myst und wird so auch anspruchsvolle Adventure-Veteranen zufrieden stellen, denn auch die werden an den Rätseln von Riven ordentlich zu knabbern haben. Wenn man sich ohne Hilfe an Riven heranwagt und nicht an den Rätseln verzweifelt, kann man viele Wochen Spielspaß erwarten.

Ein echtes technisches Ärgernis ist der gewaltige Umfang von Riven. Das Spiel wird auf sage und schreibe fünf prall gefüllten CDs ausgeliefert und ist schon in der Installation bei weitem nicht mehr so bescheiden wie Myst. Wenn man häufiger zwischen den Schauplätzen wechselt, was durch die Nicht-Linearität durchaus schnell passieren kann, endet man als Diskjockey und muss alle paar Minuten CDs wechseln. Daher gab es auch eine DVD-Version von Riven, die aber damals mangels großer Verbreitung von DVD-Laufwerken nicht sonderlich populär war und heute nur noch schwer zu bekommen ist.

Riven macht zwar einen deutlichen Sprung in den Hardwareanforderungen, was aber aufgrund der deutlich moderneren Technik durchaus verständlich und aus heutiger Sicht immer noch sehr anspruchslos ist, so dass alle heutigen Macs damit keine Probleme haben werden.

Erfreulicherweise ist Riven ebenso wie Myst ohne Probleme in der Classic-Umgebung von Mac OS X spielbar.

Fazit:

Riven ist ein würdiger Nachfolger von Myst und wird alle Fans von Myst aufs Neue begeistern. Technisch ist es deutlich gereifter und gerade in der Detailfülle und dem Einfallsreichtum der Welt mit modernen Titeln absolut konkurrenzfähig, auch wenn die Standbildnavigation immer noch da ist und langsam nervig wird. Aufpassen sollten aber alle Spieler, die schon an den Rätseln von Myst lange zu knacken hatten, denn Riven ist ein richtiger Gehirnverdreher und für viele ohne Hilfe wohl nicht zu schaffen. Auch Adventure-Profis werden an diesem Spiel lange Zeit zu rätseln haben.

Boman Hwang

Verfügbarkeit

Zu haben ist das Spiel im macinplay-Shop oder bei Amazon.

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