Never Alone (Kisima Ingitchuna)

Erschienen: 10.12.2015 (Mac App Store), Genre: 2D-Puzzle-Plattformer, Herausgeber: MacPlay, Entwickler: Upper One Games

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Ziemlich frostige Freunde: Nuna und Fox machen sich auf, ihre gemeinsame Heimat zu retten. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Alaska apart

Gäbe es ARTE für Videospiele, Never Alone (Kisima Ingitchuna) würde perfekt ins Portfolio passen. Der Titel entführt uns in die Welt des kleinen Volkes der Iñupiat: In Zusammenarbeit mit über 40 Ältesten, Geschichtenerzählern und Kulturvertretern entstanden, ermöglicht das 2D-Jump-and-Run faszinierende Einblicke in die Mythen und Traditionen der indigenen Ureinwohner Alaskas. Dass es uns dabei trotz des frostigen Settings immer wieder warm ums Herz wird, liegt vor allem an den liebenswerten Hauptcharakteren.

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Indigene Inspiration: Die Bräuche und Erzählungen der Iñupiat sind ein unverbrauchtes Szenario für Videospiele. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Das Spiel basiert auf einer Geschichte des Iñupiat Robert „Nasruk“ Cleveland und wird in Kapiteln erzählt, die jeweils von einem Zitat des Autors eingeleitet werden. Im Mittelpunkt der Handlung steht das junge Mädchen Nuna. Sie lebt mit ihrer Familie in einem der sieben Iñupiat-Dörfer in Alaska und geht gerne auf die Jagd. Eines Tages zieht ein gewaltiger Schneesturm auf, dem immer wieder neue Unwetter folgen. Wenn es so weiterginge, drohten die Iñupiat zu verhungern. Daher beschließt Nuna, die Ursachen der Stürme zu ergründen und begibt sich auf eine gefährliche Reise.

Allein zu weit

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Adrenalingeladener Auftakt: Dieser überdimensionierte Knut möchte Nuna an die Thermowäsche – aber Fox springt ihr zur Seite. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Zunächst kommt sie nicht weit: Der unerbittliche Schneesturm zwingt Nuna immer wieder zu Pausen. Als sie von einem Eisbär verfolgt wird, naht Rettung in unerwarteter Form: Ein schneeweißer Polarfuchs – „Fox“ genannt – eilt ihr zur Hilfe und lenkt das mächtige Tier von seinem Ziel ab. Fortan bestreiten Nuna und Fox ihr Abenteuer gemeinsam.

Hierbei können wir uns entscheiden, ob wir Never Alone solo oder im Koop-Modus spielen möchten. Wer keinen Mitspieler hat, kann trotzdem fortfahren und beide Charaktere steuern. Dies ist zwar auch mit der Tastatur möglich – wir empfehlen aber den Einsatz eines oder mehrerer Gamepads mit Xbox-Layout. Für unseren Test verwendeten wir einen drahtlosen Xbox-360-Controller, den wir mit Hilfe des modifizierten Tattiebogle-Treibers (Beta 0.3, zu finden bei GitHub) auch unter El Capitan problemlos betreiben konnten.

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Mysteriöse Maske: Der Eulenmann bietet seine Hilfe im Tausch gegen einen besonderen Gegenstand. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Als Nuna und Fox ins Dorf zurückkehren, finden sie dieses brennend und menschenleer vor. Neben dem Blizzard scheint es also eine weitere Bedrohung für die Iñupiat zu geben. Kurz darauf treffen die beiden auf den geheimnisvollen „Eulenmann“. Er bietet seine Hilfe an, die Verursacher der Katastrophe zu finden, wenn wir im Gegenzug seine verlorene Trommel wiederbeschaffen. Nach dieser ersten Mission, erhält Nuna die „Bola“ – eine Art Steinschleuder – mit der sie auf Eisbrocken zielen kann, um den Weg freizumachen. Deren Steuerung ist etwas umständlich, da der rechte Analogstick zum Zielen, der linke zum Schießen verwendet wird.

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Fischer Fox fischt frische Fische: Dank seiner besonderen Gabe ruft der Polarfuchs auch maritime Geister herbei. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Ansonsten geht die Gamepad-Bedienung leicht von der Hand: Mit A wird gesprungen und durch Drücken der B-Taste legen sich Nuna und Fox auf den Boden, um nicht von den Schneestürmen hinweggefegt zu werden. Mit Y kann zwischen beiden Spielfiguren hin- und hergewechselt werden. X ist die Aktionstaste, mit der Nuna schwere Gegenstände drücken oder ziehen kann und der agile, sprungstarke Fox Seile hinablässt, damit ihm seine menschliche Begleiterin auch über Erhöhungen folgen kann.

Fox’ Spürnase hat einen „siebten Sinn“ und kann „gute Geister“ hervorrufen, mit deren Hilfe Hindernisse überwunden und Rätsel gelöst werden können. Die regelmäßige Interaktion mit diesen spirituellen Wesen ist ein zentrales Element des Spiels und gleichzeitig ein Symbol. Denn das Volk der Iñupiat glaubt an „Sila“ – das Wetter, die Atmosphäre, alles, was uns umgibt und durchdringt. Über Sila sind die Menschen mit der Natur und den guten Geistern verbunden – ähnlich des Konzepts „der Macht“ in Star Wars.

Spielkultur

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Grüne Gefahr: Das geisterhafte Nordlicht darf uns nicht erwischen, die Eule links oben bietet neue „Kultureinblicke“. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Es lohnt sich, nach den in jedem Spielabschnitt verteilten Eulen Ausschau zu halten. Werden sie berührt, gewährt uns das Spiel „Kultureinblicke“, die uns die Lebensweise und Traditionen der Iñupiat näher bringen: Kurze Videos, in denen unterschiedliche Angehörige des indigenen Volkes über persönliche Erlebnisse, besondere Gegenstände und überlieferte Mythen berichten. Von diesen können insgesamt 24 freigeschaltet werden. Wer im ersten Durchgang noch nicht alle Eulen gefunden hat, kann später im Menü die einzelnen Kapitel direkt anwählen und wiederholen.

Kunstvolle Kälte

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Emotionale Eindrücke: Obwohl Alaska in kühlen Farbtönen gestaltet wurde, erzählt Never Alone eine herzerwärmende Geschichte. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Never Alone ist eine unterkühlte Schönheit: Als Grafikgerüst des seitlich scrollenden Abenteuers dient die populäre Unity-Engine. Obwohl die Farbpalette bedingt durch das Alaska-Szenario meist zwischen verschiedenen Blau-, Weiß- und Brauntönen changiert, hat jede Lokalität einen eigenen Charakter und die dazu passende, sehr dezente Musik- und Soundkulisse. Die grafische Gestaltung lebt jedoch von den wundervollen Charakteranimationen: Wenn sich Nuna und Fox lachend im Schnee wälzen oder nur durch Mimik und Gestik gegenseitig trösten, bricht selbst das Eis abgehärteter Shooterspieler.

Upper Ones Debüt ist gleichsam Spiel und Kulturreise in die faszinierende Geschichte der Ureinwohner Alaskas. Die Lebensweise und Mythen der Iñupiat sind eine außergewöhnliche Lore und werden effektiv eingesetzt. Nuna und Fox sind liebenswerte Protagonisten und es macht vor allem im Koop viel Spaß, die relativ leichten Rätsel gemeinsam zu lösen, um die Geschichte voranzutreiben. Die freischaltbaren Kultureinblicke erläutern die Hintergründe der Gegenstände und Symbolik. Dadurch werden die Spieler noch tiefer in die eisige Welt Alaskas hineingezogen und bauen eine stärkere Verbindung zu den Charakteren auf.

Klirrende Kürze

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Flinker Flüchtling: Um ihren düsteren Verfolger abzuschütteln, müssen sich Fox und Nuna sputen. (Bildrechte: MacPlay/Upper One Games)

Obwohl die Geschichte bereits nach wenigen Stunden beendet ist und – abgesehen von den sammelbaren Kultureinblicken – keinen besonderen Wiederspielwert bietet, hinterlässt Never Alone einen bleibenden Eindruck. Es gelingt den Entwicklern mit einfachen spielerischen Mitteln, ausgezeichneten Animationen und atmosphärischen Klängen eine einzigartige Spielwelt zu erschaffen. Never Alone lohnt sich vor allem für Eltern, die gemeinsam mit ihren Kindern eine spielerische Entdeckungsreise in eine vergessene Welt unternehmen möchten. Das harmonische Verhältnis der Iñupiat zur Natur und ihren Bewohnern gibt zudem interessante Denkanstöße über unser Leben und Handeln in der sogenannten „zivilisierten Welt“. Eine interaktive Gute-Nacht-Geschichte, die erlebt werden sollte.

Keine Zeit zum Lesen? Der Test in Espresso-Kürze:
„Never Alone ist ein klassisches 2D-Jump-and-Run mit kleinen Rätseleinlagen. Für ein oder zwei Spieler aller Altersklassen – aber optimal im Koop-Modus. Das ungewöhnliche Setting bietet faszinierende Kultureinblicke in die Welt der indigenen Ureinwohner Alaskas. Ein kurzes, aber schön animiertes Vergnügen mit sympathischen Hauptcharakteren. Ästhetisch und pädagogisch wertvoll.“

Testversion

Bei der von uns getesteten Mac-App-Store-Version handelt es sich um die Never Alone Arctic Collection: Diese enthält neben dem Hauptspiel das Story-Add-on Foxtales und den offiziellen Soundtrack. Das Testexemplar wurde freundlicherweise von MacPlay bereitgestellt.

Testsystem

iMac 27-Zoll mit Retina Display (Ende 2015)

  • Prozessor: Intel Skylake Core i5 mit 3,3 GHz
  • Arbeitsspeicher: 8 GB RAM
  • Festplatte: 2 TB Fusion Drive
  • Grafikkarte: AMD Radeon R9 M395X mit 4 GB VRAM
  • System: OS X El Capitan (10.11.3)
  • Eingabegerät: Xbox 360 Wireless Controller mit modifiziertem Tattiebogle-Treiber (Version 0.15 (Beta 3), von GitHub)

Trailer

Never Alone
Never Alone
Entwickler: MP Digital, LLC
Preis: 16,99 €

 

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