Defender of the Crown

Kein Spiel für Kids. Nicht etwa wegen übertriebener Gewaltdarstellung, nein, ganz und gar nicht. Es ist kein Spiel für euch Kids von heute, weil ihr Kids von heute das goldenen Zeitalter der Homecomputer wie Commodore 64, Atari 512 ST oder Amiga 500 nicht mehr erlebt habt. Ihr Kids könnt euch nicht vorstellen, in welche Ekstase die heute 30jährigen geraten sind, wenn wieder ein optischer Meilenstein der Computerspielgeschichte auf dem per HF-Modulator an den Amiga gekoppelten Fernseher erschien. Abgesehen davon war damals jedes Spiel wirklich neu, mit einer eigenen Idee, mit einem eigenen Spielverlauf, und ganz und gar nicht beliebig oder austauschbar. Ob Unreal Tournament oder Quake 3 Arena – da unterscheidet sich doch bloß die Technik. Das Spiel ist letztendlich gleich. Damals aber, in den 80er Jahren, als Spiele ein unglaubliches Kreativpotenzial enthielten, damals war alles wirklich neu. So wie auch Defender of the Crown. Es enthielt eine tolle Hintergrundgeschichte, die sogar zu Teilen historisch belegt ist, eine für damalige Verhältnisse tolle Grafik – also vor allem viele, schön gezeichnete Hintergrundbilder – und einen spannenden Spielverlauf. Aus heutiger Sicht ist es vor allem für euch Kids von heute absolut unverständlich, warum wir alten Hasen plötzlich wieder ins Schwärmen kommen, obwohl sich auf dem Bildschirm eigentlich nichts tut und nur ein paar hübsche – allerdings ziemlich naive und nicht einmal fotorealistische – Bildchen zu sehen sind. Und um offen zu sein, mir ist es auch unverständlich. Dennoch überkam mich beim Spielen von Defender of the Crown dieses zärtliche, beinahe schmerzhafte Gefühl, das mich immer überkommt, wenn plötzlich positive Erinnerungen aus meiner Kindheit auf mich einstürmen.

Zur Sache: Bei Defender of the Crown spielst du einen sächsischen Lord im England des 13. Jahrhunderts. Der Konflikt zwischen Normannen und Angelsachsen spitzt sich zu. Normannische Horden überfallen sächsische Anwesen und Burgen, plündern und morden. Die Angelsachsen beginnen mit Widerstand. Schon mal gehört? Ja, das ist das Setting, in dem Robin Hood seinem König Richard Löwenherz dient und ihm den Thron wiederholt. Das Spiel allerdings ist etwas später angesiedelt: König Richard ist ermordet worden und England befindet sich in einem erneuten Bürgerkrieg. Sachsen und Normannen bekriegen sich aufs Äußerste. Robin Hood ist wieder in den Sherwood Forest gegangen, um von dort aus sächsische Lords wie dich zu unterstützen.

England ist in etliche Grafschaften aufgeteilt, und der Spieler muss sich darum kümmern, die Normannen zu besiegen und gleichzeitig die sächsischen Vettern in Schach zu halten, denn das Verhältnis zwischen den vier sächsischen Lords ist alles andere als verwandtschaftlich. Wo Beute gemacht werden kann, da wird sie auch gemacht! Wer nachher alle bösen Buben unterjocht hat, der wird folgerichtig neuer König von England. Und da es damals noch keine Paparrazzi gab, die einem das Leben schwer machten, ist das ein durchaus erstrebenswertes Ziel.

Defender of the Crown ist ein rundenbasiertes Strategiespiel nach dem altbewährten „Risiko“-Muster: Der Spieler fällt in andere Gegenden ein und macht sie sich untertan. Das machen aber auch die anderen (computergesteuerten) Spieler, und früher oder später kommt es zwangsläufig zu Konflikten. Gut, wenn man vorgesorgt und seine Grenzen stark befestigt hat. Das allerdings kostet Gold, und an Gold kommt man durch Steuereinnahmen (je mehr Gebiete besetzt sind desto mehr Steuern erzielt man), durch Überfälle auf andere Burgen, in denen Gold erbeutet werden kann, oder durch das erfolgreiche Durchführen von Missionen, die Robin Hood zu Beginn des Spiels an einen heranträgt. Man sollte allerdings nicht zu viel erwarten – es gibt insgesamt nur acht Missionen. Übrigens war dieser Missionsaspekt im Originalspiel von 1986 nicht enthalten. Missionen können sein, eine holde Jungfer zu retten (und anschließend zu heiraten) oder auch eine Grafschaft bis zu einem gewissen Datum einzunehmen. Dazu bietet der Vogelfreie aus dem Sherwood Forest seine Unterstützung in Form von Männern an. Wenn das Datum allerdings verstreicht, passiert nix. Robin Hood bietet nach wie vor Leute an, die einem angeblich zu Hilfe eilen sollen.

Diese Neuauflage des Klassikers ist sowohl akustisch als auch optisch stark überarbeitet worden. Viele schön gezeichnete (wie oben erwähnt allerdings nicht fotorealistische) Bilder in recht hoher Auflösung verschönern das Spiel. Auch der Sound kann sich hören lassen (zumindest, wenn man ihn mit der Originalfassung vergleicht). Die Bilder liegen übrigens offen zugänglich in einem Ordner des installierten Spiels, das erfreulich niedrige Hardware-Voraussetzungen hat.

Ein Zug sieht typischerweise so aus, dass der Spieler seine Armee (dargestellt durch einen Ritter zu Pferde) durch seine Ländereien verschiebt (mittels des Menüpunkts „Kampagne bewegen“) und – falls sie stark genug ist – andere Ländereien angreift. Womit übrigens ein Zug abgeschlossen ist. Auch der Kauf von neuen Truppen führt zum unmittelbaren Beenden des Zuges, was ziemlich ärgerlich sein kann, wenn man ein paar Ritter zu wenig hat, um eine effektive Vorwärtsverteidigung zu organisieren. Etwas nervig ist, dass die Wartezeit am Ende eines Zuges deutlich länger ist, als ich bei meinem G4 mit 533 MHz erwarten würde.

Wenn beim Bewegen auf ein feindliches Feld mit einer Burg ein oder mehrere Katapulte in der eigenen Streitmacht mitgeführt werden, so gibt es eine der wenigen echten Action-Sequenzen: Unbedrängt vom Gegner lassen sich Steine, Feuertöpfe oder Seuchenherde gegen die feindlichen Mauern schleudern. Es erfordert tatsächlich einiges an Übung, um die gegnerischen Mauern einzureißen und damit den eigenen Mannen den Weg nach drinnen zu bahnen. Eine andere Action-Sequenz gibt es, wenn eigene Männer ins Innere einer Feindesburg eingedrungen sind, etwa bei einem Überfall – ein Schwertkampf zwischen den Angreifern und den Verteidigern entspinnt sich. Ist man selbst siegreich, so wartet die Beute auf einen – Gold oder holde Jungfern, die man dann heiraten muss -, wird man dagegen geschlagen, wandert man in den Kerker und muss gegen Lösegeld freigelassen werden.

Eine letzte Möglichkeit zur Aktion gibt es bei Turnieren, die man entweder um Ruhm und Ehre oder um Ländereien bestreitet. Dabei kann man Turniere für Gold selbst austragen oder wird gelegentlich zu einem eingeladen. Beim Tjostieren, also beim Lanzenkampf zu Pferde, gilt es, den Gegner mittels Stoß der Lanze auf den Schild des Gegners vom Pferd zu heben. Gelingt das, kommt man eine Runde weiter (es gibt drei Runden), gelingt es nicht, darf man als begossener Pudel nach Hause reiten.

Die Actionsequenzen sind ziemlich dürftig. Die Kontrolle des Schwertkampfs etwa ist ruckelig, und man hat nicht unbedingt das Gefühl, dass der Schwertkämpfer das macht, was man ihm sagt, zumal besonders zu Beginn die Übersicht fehlt, wer der sechs dargestellten Figuren eigentlich den Spieler repräsentiert. Es handelt sich eben nicht um eine flüssige Bewegung, sondern um eine Art Trickfilm, in dem Bild für Bild geladen und dargestellt wird – das zwingt offenbar sogar meinen G4 in die Knie. Ähnliches, allerdings nicht so stark, gilt für das Tjostieren bei Turnieren. Wirklichen Spaß macht in der Reihe der Action-Sequenzen eigentlich lediglich das Beschießen von Burgen, denn hier muss man nicht mit dem bösen Buben von gegenüber rechnen. Allerdings hat man leider bloß sechs Schuss zur Verfügung, egal mit wie vielen Katapulten man angreift.

So manches Mal, wenn eigene Länderein angegriffen werden, lässt sich leider nicht genau sagen, welche Möglichkeit der Verteidigung man eigentlich angeklickt hat, denn der Text passt nicht recht in die angebotene Papyrusrolle und schiebt sich übereinander. Ein Wiederherstellen des Zustandes von vor dem Angriff ist auch nicht möglich, da sich das Spiel nicht speichern lässt – für Strategiespiele, die durchaus stunden- und tagelang dauern können, ganz schön dürftig.

Dafür gibt es einen netten Bonus: Auf der Hybrid-CD finden sich die Originalversionen von Defender of the Crown, unter anderem für Amiga, Amstrad und Commodore 64. Emulatoren für diese alten Plattformen finden sich im Internet. Dafür konnte ich allerdings die auf der Packung angepriesenen Desktop Themes und Bildschirmschoner nirgends entdecken – vermutlich handelt es sich um Windows-Material.

Auch wenn das Spiel aus heutiger Sicht nicht mehr so wirklich zu überzeugen weiß, so muss doch das beigelegte, ausführliche und gut geschriebene Hadbuch erwähnt werden, das sich in der DVD-Hülle befindet. Es macht optisch nichts her, dafür befindet es sich noch einmal auf der CD selbst in vorbildlich gestalteter Form, beide Medien ergänzt um interessante Hintergrundinformationen etwa zu Robin Hood (von historischen Belegen bis zur Beschreibung der Filme rund um den Vogelfreien) oder um die Turniere des Mittelalters.

Fazit:

Die Collector’s Edition ist ein großartiges Remake für den Mac von heute mit dem Feeling von damals. Schön für ein paar nostalglische Stunden mit sich und dem Mac, wunderbar für alle, die die einfachen und dennoch großartigen Spiele von früher schätzen. Allerdings auch nur für die. Defender of the Crown ist nach heutigen Maßstäben ziemlich popelig für ein Vollpreisspiel – darum kostet es auch nicht soviel wie eines, sondern nur 20 Euro. Interessant noch für OS X-Nutzer: Wenn man den Installer des Spiels unter X gestartet und das Spiel installiert hat, lässt sich Defender of the Crown auch nach einem Neustart unter OS 9 nicht starten, abgesehen davon, dass es im Classic-Modus komplett seinen Dienst verweigert.

Verfügbarkeit

Zu haben ist das Spiel im macinplay-Shop.

Screenshots (klicken für mehr)

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